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19.11.2017 - 09:37
Impressum
Ausgrabung der Kirchenruine Winnefeld
Das Objekt
Forstamt Winnefeld

Unmittelbar neben der Bundesstraße 241, nahe dem Forstamtsgehöft Winnefeld, lagen, unter einem Erdhügel verborgen, viele Jahre lang die Ruinenreste der Winnefelder Kirche. Es handelt sich um die Kirche der mittelalterlichen Dorfsiedlung Winnefeld (bedeutet möglicherweise Gewonnenes Feld).

Bei der Kirchenruine in Winnefeld handelt es sich nicht um ein Objekt, welches vor der Ausgrabung 2002 bis 2007 weitgehend unbekannt war.
Bereits in der Solling-Karte des Johannes Krabbe von 1603 ist die Kirche mit Doppelturm eingezeichnet.
Ein im Bereich des heutigen Forstamtes Winnefeld eingezeichnetes Viehhaus, sowie mündliche und schriftliche Überlieferungen deuteten auf eine damals zur Kirche gehörende ländliche Siedlung hin.
So gab es eine begründete Aussicht für die Archäologen, hier durch Ausgrabung der Kirchenruine wissenschaftliche Forschung betreiben zu können. Mit der planmäßigen Ausgrabung begann man 2002.

Zustand 1970
Mauernreste

Die Natursteine vom Mauerwerk dieser Kirche wurden in vielen Jahrhunderten zum großen Teil von der Bevölkerung fortgeschafft. Ein Rest diente beim Bau der Chaussee Nörten – Lauenförde (1828 bis 1832) der Untergrundbefestigung im Bereich Winnefeld. Nur einige Steine vom Turmfundament waren noch sichtbar.

Die Siedlungsgeschichte
Forstamtsprotokoll

Am 18. April 1735 begaben sich berittene königliche Beamte und Forstleute in den Solling. Durchstreiften zusammen mit Waldarbeitern, Köhlern und Zimmerleuten alle Forstreviere und schrieben ihre Beobachtungen auf.
Es handelte sich um die zweite Holzinventur der königlichen Hofkammer. So kamen sie im Verlauf dieser Aufnahme auch in das Revier Winnefeld und haben für die Forstorte Reher Halbe, Winnefelds Hals, Rohte Hügel, Teifenthals Ebene und Beißemke, also für den Bereich Winnefeld und Umgebung, folgende Vorbemerkung in das Protokoll geschrieben:
Das Revier ist vor alten Zeiten Land gewesen.

Protokoll
Forstamtsprotokoll

Diese Bemerkung, vor fast 300 Jahren niedergeschrieben, allein genügt, um die Ausdehnung der damals durch Rodung entstandenen freien Flächen zu erahnen.

Die Rodungen waren um 1200 von den Grafen von Dassel in großem Umfang betrieben, um ihren Herrschaftsbereich im Solling zu sichern.

Da dies ohne Absegnung durch den Bischof von Paderborn geschehen war, wurde ihr Besitz in ein Lehen umgewandelt und aus Buße, so vermutet man, haben die Grafen die Kirche in Winnefeld so, für den ländlichen Bereich unnormal groß, gebaut.

Die Funde im inneren Bereich der Kirche, insbesondere die Keramik, geben Aufschluss darüber, in welchem Zeitraum die Siedlung Winnefeld bestanden hat.

Neuen Funden nach wurde sie schon im 8./9. Jahrhundert gegründet und 1150-1250 großflächig ausgebaut.
Zu dieser Zeit wurden auch die übrigen ländlichen Siedlungen im südlichen Solling gegründet.
Der Ortsbereich erstreckte sich in Ost-West über etwa 2,5 km und in Nord-Süd über etwa 2,0 km. Es wurde Getreide angebaut und Vieh gehalten, das im Wald weiden konnte.
Der Untergang der Siedlung dürfte sich im 15. Jahrhundert vollzogen haben.

Ein Zusammenhang mit der Soester Fehde und den zurückziehenden böhmischen Söldnern 1447 ist vielleicht möglich.

Es ist anzunehmen, dass der Grund vielseitig war.
Die Einwohnerzahl ging vermutlich durch Epidemien wie Pest und Cholera stark zurück, die Klimabedingungen in den höheren Lagen des Sollings waren sicher nicht gut und ein allgemeiner Niedergang der Landwirtschaft zu der Zeit kam hinzu.

Die meisten Siedlungen im Solling sind damals untergegangen bzw. fielen wüst.

Die Ausgrabung
Ausgrabung

1999 beabsichtigte das Forstamt Winnefeld das Fundament der Kirche zu konservieren und zu schützen.
Dazu nahm der damalige Leiter des Forstamtes, Dr. Manfred Förster, Verbindung zu den Archäologen auf.
Es kam zu Gesprächen und bald zu Aktionen.

Dr. Stefan Krabath nahm mit Frau Dr. Sonja König erste Sondierungsarbeiten an den Fundamentmauern vor, so dass die Dimension des Bauwerks deutlich wurde.
2002 begann Professor Dr. Stephan mit den planmäßigen Grabungsarbeiten.
Er war damals am Seminar für Ur- und Frühgeschichte in Göttingen tätig.
Die Arbeiten wurden in Kooperation mit der Universität Brünn, dem Institut für Anthropologie der Freien Universität Berlin und dem Zentrum Anatomie der Universität Göttingen probeweise durchgeführt.

Das Ausmaß der Kirche (30m x 9m) deutet darauf hin, dass die Siedlung in Winnefeld groß war.
Die Bewohner betrieben Land- und Viehwirtschaft.
Der Überlieferung nach hat es dort 23 Brunnen gegeben.
Die Einwohnerzahl dürfte bei etwa 100 bis 200 Personen gelegen haben.
Entsprechend hoch muss die Zahl der Bestattungen gewesen sein.

Friedhof
Gräber

In den Jahren 2003 bis 2007 wurden die Grabungsarbeiten fortgesetzt.

Zunächst war man bestrebt, in der Nähe der Kirche Gräber zu finden, in denen Skelette erhalten geblieben waren.

In etwa 1,50 m Tiefe fand man schließlich tatsächlich erhaltene Skelette und zwar in einer Anzahl, die den Grabungsleiter und Anthropologen Jan Novacek aus Brünn in helle Begeisterung versetzte.

Ein Glücksumstand, der von Professor Dr. Stephan auch besonders gewürdigt und erklärt wurde.

Der von den Kirchenwänden innen und außen herabgefallene Kalkputz hatte sich im Boden mit dem örtlichen Buntsandstein vermengt und so die Knochen konserviert.

Insgesamt wurden 85 Gräber und mindestens 110 Individuen ermittelt.

Man schätzt, dass es etwa 500 Bestattungen bis zum Untergang der Siedlung gegeben hat.

Man fand vollständige Skelette aber auch einzelne Skelettknochen. Die Gräber lagen auch in Schichten übereinander.
Kinderskelette lagen dicht an der Kirchenaußenmauer, also unter der Traufe.

Die anthropologischen Untersuchungen haben Erkenntnisse über die Lebensweise und Ernährung der Einwohner ergeben.
Todesursachen durch Krankheit, Unfall oder Kampfhandlungen wurden erkannt.

Skizze der romanische Kirche
Skizze der romanischen Kirche

Untersuchungen haben ergeben, dass der Kirche um 1150 - 1200 in wenigen Jahren errichtet wurde.

Die Grundmauern
Grundmauern der Kirche Winnefeld

Die Fundamentmauern wurden genau vermessen. Man kann anhand der Maße die Art des oberirdischen Aufbaus ermitteln.

Der Turm war etwa 15-20 m hoch.

Innen hatte die Kirche ein Gewölbe oder man beabsichtigte, ein solches einzubauen.

Das noch vorhandene Mauerwerk wurde verfestigt und soll für die Zukunft gesichert werden.

Geplant sind weitere Arbeiten und eine spätere Überdachung der Ruine.

Eine ausführliche Beschreibung des Bauwerks wird Professor Dr. Stephan in seinem Buch über die Ausgrabungen im Solling veröffentlichen.

Abschluss im Jahr 2008
Abschluss im Jahr 2008

2008 wurde die Restaurierung der Kirchenruine weitgehend abgeschlossen. Archäologische und geologische Untersuchungen wurden in der Umgebung der ehemaligen Kirche noch fortgesetzt.
Das Gelände wurde ansprechend hergerichtet und macht einen sehr guten Eindruck auf die Besucher.

Die erfreuliche Sicherung dieses historischen Objekts mit Seltenheitswert verdient Anerkennung.

Der Kultur-Natur Historische Dreiländerbund e.V.
Ansprache Prof. Dr. Stephan und Jürgen Koch

Im Januar 2003 fanden sich einige an Archäologie Interessierte zusammen und gründeten den Kultur-Natur Historischen Dreiländerbund.

Vorsitzender ist Jürgen Koch aus Lauenförde.

Der Verein übernahm einen Großteil der Erledigung und Organisation der praktischen Arbeiten im Gelände und unterstützte dadurch die wissenschaftlichen Forschungen in Nienover, Winnefeld, Schmeessen und Lakenhaus.

Er kümmerte sich um die Beaschaffung der einzustellenden ABM-Kräfte, er sorgte für die Unterbringung und Verpflegung der an den Objekten arbeitenden Studenten.

Hinzu kam die Logistik, die Beschaffung von diversem Material, die Bereitstellung von Geräten vom Bagger bis zum Baukran.

Zahlreiche Arbeitsstunden (Manuel Sanchez) wurden freiwillig geleistet.

Zum Tag des offenen Denkmals wurden in jedem Jahr Verschönerungsarbeiten im Umfeld der Grabungsobjekte ausgeführt.

Die gute Zusammenarbeit mit Professor Dr. Stephan, jetzt an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg tätig, führte zu einem schnellen Fortschritt der Arbeiten an allen Grabungsstätten.

Dem Verein gehören inzwischen über 100 Mitglieder an.

Alle an Geschichte, Natur und Entwicklung der Kulturlandschaft Interessierte möchten wir hiermit zur Mitarbeit aufrufen.

Wer dem Verein beitreten möchte, wendet sich bitte an Jürgen Koch, Jakobstr. 13, 37697 Lauenförde, Tel.: 05273-7147.

Foto und Dokumentation:
Horst Weinreis

Die begleitende Fotoserie von Horst Weinreis finden Sie in der rechten Navigation.