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19.11.2017 - 09:43
Impressum
Aus der Geschichte der Leinenbleiche Vernawahlshausen
Die ansehnlichste Bleichanstalt in diesem Distrikt - von Thorsten Quest und Uta Schäfer - Richter
In dem an der hessisch-hannoverschen Grenze gelegenen Dorf Vernawahlshausen existierte im 18. und 19. Jahrhundert eine der größten Leinenbleichen Nordhessens.
Diese landgräfliche Einrichtung verhalf dem gesamten Ort zu einem bescheidenen Wohlstand.
(d. Hrsg.).

Die kühnen Hoffnungen, die an die Expansion des Leinengewerbes für die Kleinbauerndörfer geknüpft wurden, schienen in Vernawahlshausen in Erfüllung zu gehen.
Geradezu enthusiastisch sprechen zeitgenössische Berichte vom - industriellen Aufschwung - des Ortes und seiner Bleiche, deren Bedeutung weit über die unmittelbaren Nachbardörfer hinausreichte.

- Bey dem Sababurger Amtsdorf Vemawahlshausen (...) ist die ansehnlichste Bleichanstalt in diesem Distrikt.
Fast ein jeder Einwohner in diesem Orte ist ein Bleicher, und kann sicher darauf rechnen, daß daselbst in jedem Jahre viele tausend Schock Linnen sowohl für ein - als auswärtige Linnenhandlungen und für Privathaushaltungen weiß gemacht werden.
Dieser Bleiche dient es zu einer besonderen Empfehlung, daß die industriellen Bleicher und Bleicherinnen außer denjenigen Vorteilen, welche ihnen die Natur bietet, blos unermüdetem Fleiß und Sorgfalt und keine dem Linnen schädliche Kunstgriffe gebrauchen.
Ein jeder Einwohner, der eine solche Wiese, worauf er Linnen auflegen und bleichen kann, besizet, gewinnet über seinen verdienten Lohn eine vortreffliche Heuernte.
Diejenigen, welche entweder gar keine oder nicht hinreichende und zum bleiche schickliche Wiesen haben, miethen solche für die Bleichzeit um einen hohen Preis von anderen.
Von einer Steige oder zwanzig Ellen fünf Viertel Tuch, wird hier 2 Albus 8 Heller und von vier Viertel breit 1 Albus 9 1/3 Heller bezahlet.
- (Martin, Bd.1,S.63)

Tatsächlich gehörte die Vernawahlshäuser Rasenbleiche zu den größten in ganz Hessen, und die Menge des hier gebleichten Leinen war beachtlich.
Das Lager-, Stück- und Steuerbuch schätzte 300 - 500 Steigen pro Bleicher, was ca. 3,4 km bis 5,7 km Leinentuch entsprochen hätte. Geht man davon aus, dass fast jede Familie dieser Fertigkeit nachging, wird man bei 94 gezählten Wohnungen ruhig 70 Bleicherfamilien rechnen dürfen.
Zwischen 21.000 und 35.000 Steigen gebleichten Leinens hätten demnach am Ende des 18. Jahrhunderts Vernawahlshausen verlassen, um zunächst nach Lippoldsberg und weiter nach Karlshafen gebracht zu Werden.
(StArch.Marburg, LSSB Vernawahlsh., 1786, Vorbeschr. § 46)

Nach Preisangaben Martins für gebleichtes Leinen konnte eine Vernawahlshäuser Familie mit einem zusätzlichen Einkommen von 16 - 27 Talern jährlich rechnen.
Hiervon mussten allerdings die Unkosten für Holz und Asche und eventuell die Wiesenmiete bestritten werden.
Dennoch führte die - ansehnlichste Bleichanstalt in diesem Distrikt - nach Meinung des Zeitgenossen Martin - zu einem ziemlichen Wohlstand der fleißigen Bewohner -
(Martin, a.a.O.) dieses Ortes.

Auch der Sababurger Rentmeister bestätigte Mitte des 19. Jahrhunderts, bereits angesichts des Niedergangs der Vernawahlshäuser Rasenbleiche, dass die Vernawahlshäuser stets zu den promptesten Steuern- und Abgabenzahlern des Amtes gehört hätten und niemals etwas schuldig geblieben wären.
Und so gewinnt man den Eindruck, dass mehr noch als in Lippoldsberg die Blütezeit des Leinengewerbes zugleich zu einer Blütezeit dieses kleinen niederhessischen Dorfes geworden war.
Drei Voraussetzungen ermöglichten diese Blüte Vernawahlshausen:
ausreichend große Rasenflächen, ein genügender Vorrat an Pottasche und vor allem das klare und weiche Wasser, das aus vielen Quellen innerhalb der Vernawahlshäuser Feldmark sprudelte.
Ihm verdanken die Vernawahlshäuser auch die Güte und Weiße des Leinens, mit der sie die meisten anderen Bleichen übertrafen.
(St.Arch. Marburg, a.a.O.)

Nördlich des Ortes, entlang der Schwülme durchzogen zahlreiche kleine, von den Quellbächen abgeleitete Gräben die Bleichwiesen, so dass die darauf ausgespannten Leinentücher bequem begossen werden konnten.
Vor allem auch die selbstverständliche Mitarbeit der Frauen und Kinder machte die Bleicherei zu einem einträglichen Gewerbe, dessen Arbeitsorganisation sich zudem recht gut dem Rhythmus des landwirtschaftlichen Arbeitsjahres anpasste.

So sehr die Lohnbleicherei bis in die Anfänge des 19. Jahrhunderts hinein den Vernawahlshäusern in einer Zeit verstärkten Bevölkerungsdrucks einen bescheidenen Wohlstand ermöglichte, um so deutlicher wurde für sie ab Mitte des letzten Jahrhunderts der rasche Niedergang des hessischen Leinengewerbes spürbar.
Und dies wirkte besonders drastisch, als mit Hilfe des naturwissenschaftlichen Fortschritts immer stärker Pottasche und Sonnenkraft durch Chemie ersetzt wurden.
Während der Umfang des gebleichten Leinens in den Jahren 1839 bis 1842 noch von 25.000 auf 39.000 Steigen anstieg, verließen 1856 nur 36.000 Steigen Leinen das Dorf.
(Metz, S.105)

Leider sind weiter keine genauen Daten zu den sinkenden Absatszahlen der folgenden Jahre bekannt, doch dokumentieren Briefe und Bittgesuche der Gemeindevertretung 1861 anlässlich der Neuverpachtung des hiesigen herrschaftlichen Meierlandes, wie einschneidend der Niedergang dieses Erwerbzweiges auf das ganze Dorf gewirkt haben muss.
Natürlich mischte sich unter die eindrucksvollen Klagen der Gemeinde über ihre damalige Situation das Interesse, die geplante Erhöhung der Pachtpreise seitens der Regierung abzuwenden.
Dennoch zeichnet sich in diesen Bittgesuchen das Bild einer in Not geratenen Gemeinde ab.
So berichtet am 16. Mai 1861 der Rentmeister über ein Treffen mit den Gemeindevertretern, diese hätten vorgebracht, dass - kaum der 7. Teil von dem Leinen zum Bleichen kommen, das früher zu Vernawahlshausen gebleicht worden sei.
So wären in frühen Jahren stets 40.000 Steigen gebleicht worden, während in diesen drei Jahren kaum 6.000 gebleicht wurden und stünde zu erwarten, dass jedes Jahr weniger Leinen zur Bleiche gebracht würde.
- (St.Arch.Marburg, Best.168, Nr. 1267).
Von 40.000 auf 6.000:
Wirklich ein drastischer wirtschaftlicher Einbruch. (...)

Die Verkümmerung der Vernawahlshäuser Bleichen spiegelt sich auch in verschiedenen Einwohnerverzeichnissen des Ortes wider.
So lebten um 1858 10 Leineweber, 10 Bleicher und 7 Personen, die sowohl der Leineweberei als auch der Bleicherei nachgingen, im Ort; 1863 wiederum 10 Leineweber, jedoch nur 4 Bleicher. Und die Steuerrollen der 70er und 80er Jahre verzeichneten schließlich nur noch 1 oder 2 Bleicher.
(Pfarrarch. Vernawahlsh., Catalogus Commu¬nicanti um, 1858; Gemeindearch. Wahlsburg, Wählerliste von 1863; St.Archiv Marburg, Best.180, Hofgeismar Nr. 232)
(aus: Quest u. Schäfer-Richter, S 146 - 149)

Quelle: Flachs und Leinen zwischen Weser und Solling von Thorsten Quest und Uta Schäfer - Richter

Vernawahlshausen, die größte Rasenbleiche Hessens
Werkzeug für den Bleichplan
Von Karl Siemon – mündliche überlieferungen aus den 1950er Jahren

In den waldreichen Gegenden unserer Heimat waren schon immer die Klein- und Mittelbetriebe in der Landwirtschaft vorherrschend.
Von dem damals geringen Ertrag seiner Landwirtschaft konnte der Landmann nicht leben und war auf Nebenerwerb angewiesen.
Für viele war die Bearbeitung des Flachses das Gegebene.
War doch das Leinengewerbe neben der Bearbeitung der Wolle das älteste Gewerbe unserer Vorfahren.
Sie verarbeiteten zu Leinwand, was sie in ihrer Wirtschaft an Flachs ernteten.
Anfangs wurde der nicht für den Eigenverbrauch benötigte Flachs in den Städten durch Berufsweber verarbeitet.
Später trat dann die Werberei immer mehr als Nebenerwerb der Landbevölkerung hervor.

Schon vom 13. bis 15. Jahrhundert wurde deutsches Leinen ausgeführt, weil es neben seiner vorzüglichen Qualität billig war.
Das war nur möglich, weil diese Arbeit mit dem Leinen neben der Tagesarbeit und in den Abendstunden geleistet wurde.
Im Jahre 1696 wurde über Bremen, dem Umschlagplatz für Leinen, für eine Million Taler Leinen hauptsächlich nach England, Holland, Spanien und später nach Amerika ausgeführt.

Von den verschiedenen Sorten des Leinens wurde in einigen Orten unseres Kreises das Schockleinen (knapp einen Meter breit, in Amerika – Hessian - genannt), hergestellt.
In den Orten Hofgeismar, Grebenstein, Liebenau, Trendelburg, Helmarshausen, Niedermeiser, Zwergen, Ostheim, Lamerden, Eberschütz, Hümme, Sielen und Deisel wurde die Stiegenleinwand, auch Haus- oder Hemdenleinen genannt, für den Handel gewebt.
In den Weserorten und einigen Orten Südhannovers wurde das Heede- oder Leggeleinen gewebt, das teils zu Salzsäcken verwendet wurde, teils in den überseeischen Handel kam und dort reißenden Absatz fand.
Die vorgenannten Sorten wurden für den Eigenverbrauch in fast allen Orten gewebt.

Die große Bedeutung der Leinenverarbeitung für das damalige Wirtschaftsleben ist schon daraus zu ersehen, dass die Regierung unter anderem in Hessen und Hannover sich um den Anbau des Flachses (- Anweisung der hannoverschen Regierung über beste Art des Anbaues und Belohnung für besonders gute Erzeugnisse, die neben seiner Faser auch brauchbaren Leinsamen ergeben -), die Ausbildung der Weber (Einrichtung von Musterwebereien für Damastweben auf Jacquardstühlen, Vorschrift über die Ausbildung der Weberlehrlinge der hessischen Regierung), den Verkauf des Leinens (Einrichtung der Leggen in Hessen und Hannover und die hessische Leinenordnung von 1829) und die Bleicherei (Einrichtung der staatlichen Musterbleiche in Sohlingen bei Uslar und Bestellung von Kommissaren, die das Bleichen beaufsichtigten, damit beim – Buiken - oder – Büken - keine Kreise und kein Kalk, sondern nur reine Buchenasche verwendet wurden) kümmerten.

In Vernawahlshausen, damals und auch heute noch Wahlshausen genannt, war damals fast in jedem Hause mindestens ein Webstuhl.
Im ersten Weltkrieg ist hier mancher Webstuhl wieder in Gang gebracht worden.
Nach dem Kriege webten noch Anton Wißmann (Antons), Hermann Fricke (Leuthfreuderichs), Karl Jäger (Hannsönegens), Martin Wißmann (Sommers), Georg Henne (Scholreukes), Johannes Henne (Winkel), Eduard Wickmann (Steingräber) und Karl Henne (Lohmanns Karl).
Letzterer war auch der letzte Weber unseres Dorfes.

Das vom Weber hergestellte Leinen musste noch gebleicht werden, ehe es zu Hemden, Bezügen, Handtüchern usw. verarbeitet wurde.
Das graue Rohleinen wurde vier- bis fünfmal in mit Pottasche vermischten heißen Wasser aufgeweicht, kam dann vier Wochen auf den Bleichrasen, wo es täglich mit Wasser begossen wurde.
August Deppe (- Flachs und Leinen -, Bücher der Spinnstube, Göttingen 1925) beschreibt die Wirkung in der Weise, dass sich unter Einwirkung von Licht, Luft und Wasser Ocon oder nach neuerer Auffassung Wasserstoffsuperoxid bildete, wodurch die farbigen Verunreinigungen oder auch der Naturstoff der Faser zerstört wurde.

Jedes Dorf hatte damals seine Gemeindebleichplatz zur allgemeinen Benutzung.
Daneben hatten aber noch viele Gegenden Hessens (z.bl in Werkel bei Fritzlar) die meisten Bauern eine Bleichwiese (einen Wiesenstreifen bis zu einem Morgen) an dem vorbeifließendem Flüsschen. Jeder bleichte sein Leinen selbst.

Als aber die Leinenweberei einen immer größeren Umfang annahm (Landau schreibt 1842: - Diese Gegenden – u.a. auch die vorher genannten Orte im Kreis Hofgeismar – gleichen zum Theil einer großen Fabrik -), musste man auch größte Sorgfalt auf das Bleichen legen und musste Rasenflächen mit viel kalkfreien, auch nach starken Regengüssen klarem Wasser zur Verfügung haben.
An vielen Orten fehlte es daran.
So kam es, dass viele ihr Leinen nicht mehr selbst bleichten, sondern es in solche Ortschaften brachen, die eben diese Voraussetzungen für eine gute Rasenbleiche hatten.
Zu diesen Orten gehörten in unserem Kreise Grebenstein, Niedermeiser und Vernawahlshausen.
Welche Bedeutung das Wasser für das Bleichen hatte, ist aus folgenden Angaben zu ersehen.
Der Chronist, der 1784 die Dorfbeschreibung von Vernawahlshausen beendet hat, berichtet über das Bleichen:
- Den Vorzug, den hiesiger Ort hat, rühret nicht sowohl von dem Fleiß und treuen Wartung, als hauptsächlich von dem guten Wasser her, so dass von oeconomischer Beurteilung dieses Linnen von andern, so in der ganzen Gegend gebleicht wird, nicht nur an Güte und Weiße als auch der Schwere desselben viel besser zu halten ist. -
Und in den Berichten des Uslarer Leggeinspektors Reichard 1827 wird betont, dass die Bleichen im Amt Uslar trotz Anstrengungen des Amtmannes und der Leggemeisterei nicht auf die Höhe der Bielefelder Bleiche zu bringen seien.
Er schlägt die Errichtung einer staatlichen Bleiche in Sohlingen vor, da dort neben dem vorzüglichen Wiesen und dem notwendigen Holz zur Gewinnung von Pottasche das immer klare und weiche Wasser vorhanden sei.
Und die Sohlinger Musterbleiche wurde der schärfste Konkurrent der Bielefelder Bleicher, so dass die Bielefelder Windelbleiche später die Sohlinger Musterbleiche aufkaufte und sie stilllegte.
Die Sohlinger Musterbleiche hat viel zur Verbesserung des gesamten Bleichens getan.
Ihre Bleichmeister waren zum Teil in Böhmen und Schlesien (Hauptsitz der Leinenindustrie) ausgebildet; von ihnen haben die Privatbleicher gelernt.

Die größte Rasenbleiche Hessens war in Vernawahlshausen.
Hier wurden
1787 - 20 – 24.000 Steigen Leinen,
1843 – 35 – 40.000 Steigen
und
1850 fast 50.000 Steigen gebleicht.
Fast 2/3 der Einwohner betrieben das Bleichen, und durchweg wurden von den meisten Familien 300 – 500 Steigen, von einigen bis 800 Steigen, gebleicht.
Eine hessische Elle war 57 Zentimeter lang (- Reduktionstabelle u. nach U. u. W. Eckhardt – Hessische Ortsbeschreibungen -);
eine Steige hatte 20 Ellen, war also 11,40 Meter lang.
Die 1850 gebleichten 50.000 Steigen hatten aneinandergelegt eine Länge von 570 Kilometer, dass wäre eine Strecke von Kassel bis Konstanz oder von Trendelburg bis Basel.
Zu einem Aufzug – 25.000 Steigen a 60 Zentimeter breit, dicht aneinandergelegt – benötigt man eine Bleichfläche von 68 Morgen.
Die hiesige Bleichfläche auf den Oberen- und Unteren – Wiesen und am Siegbach war 115 Morgen groß.
Die Bleichfläche begann auf der Oberen Wiese am Leischenlaken neben den Quellen bei Willi Hennes (Salomons) Wiese und zog sich bis zu den Adamswiesen (unterhalb der Weide von August Lange) auf den Unteren - Wiesen.
Dazu kamen die Wiesen am Siegbach.
Das klare und weiche Bleichwasser kam aus den Quellen am Leischenlaken, aus der Quelle, die bei Karl Jägers Garten am Bahnhoffweg in Rohre gelegt ist und hinter dem Haus von Wilhelm Henne in dem großen Abzugsgraben auf den Unteren – Wiesen fließt.
Die stärkste Quelle war der Saßborn, dessen Wasser neben dem Schuttabladeplatz aus einem Rohr in den Graben fließt.
Beim oberen Bahnbau (1872) ist das Quellgebiet beider Quellen von den Erdmassen des Bahndammes zugeschüttet worden.
Das Wasser aus den Quellen am Leischlaken floss in einen Graben, der am heutigen Unteren – Wiesenweg entlangzog und am Königswinkel durch die Pastorwiese (heute von Stellmachermeister Fricke gepachtet) zur Schwülme führte.
Von diesem Hauptgraben führten im Abstand von 10 Meter etwas 75 Zentimeter breite Seitengräben zur Schwülme.
So war die Bleichfläche in lauter schmale Quartiere eingeteilt.
ähnlich war auch die Wasserführung auf den Unteren – Wiesen aus den Quellen bei Jägers Garten und vom Saßborn und am Siegbach.

Zur jeder Bleiche gehörte die Buikestie (Stie von Stelle).
Das ist der Platz, auf dem das Leinen gebuikt wurde.
Hier stand das Wachthaus.
Es war leicht gezimmert, 3 mal 3 Meter groß, hatte dicke Strohwände und ein Strohdach.
Darinnen standen meistens zwei große gemauerte Kessel, wie man sie früher überall hatte, ehe die sogenannten – Manteltöpfe – aufkamen, eine Bettstelle mit einem Strohsack für die Nachtwache und die noch zum Bleichen notwendigen Gerätschaften:
Buikestünze,
Leggeschaufeln,
Pflöcke,
Trabbahre usw.
Die Buikestünze (Waschfässer aus Eichenholz) waren ungefährt 80 Zentimeter hoch und hatten einen Durchmesser von 1 – 1 /2 Meter.
Die Leggeschaufel – auch Snicke genannt – aus Pappelholz war 1,40 Meter lang, der Stiel 80 Zentimeter und die Schaufel 60 Zentimeter, 12 Zentimeter breit und 7 – 8 Zentimeter tief.
Die Tragbahre bestand aus zwei flach gebogenen Holmen mit ausgearbeiteten Griffen (wie bei einer Schiebkarre) und eingelassenen flachen Sprossen, und war aus Pappelholz hergestellt.
Die Pflöcke waren 30 – 40 Zentimeter lang, oben mit einem natürlichen Asthaken oder mit einem Querstück versehen.
Sie waren aus Eichenholz.

Wenn im Frühjahr die Bestellung der Felder erfolgt war, begannen die Bleicher im April mit der Instandsetzung der Bleiche.
Die Wachthäuser wurden nachgesehen und, wenn nötig, die beschädigten Strohwände und Dächer durch neue ersetzt.
Die großen Wassergräben waren oft eingerutscht und mussten sorgfältig hergerichtet werden.
Aus den Seitengräben, die ja mit Gras bewachsen waren, mussten die Mauswurfhaufen entfernt werden.
Beschädigte Pflöcke wurden ersetzt.

Ende April kamen die ersten Sendungen Rohleinen aus der Umgebung, aus Göttingen, Einbeck, Kassel und Köln an.
Die Sendungen aus Kassel kamen meistens mit dem Schiff bis Lippoldsberg und wurden dort von Vernawahlshäuser Fuhrleuten abgeholt.
Der Organisator der Fuhren war Wilhelm Henne – Wilhelm – Vetter (heute H. Schormanns Haus am Höpperpaul).
Er verteilte die Fuhren an die Leinenfuhrleute:
seinen Bruder Heinrich Henne (heute Hermann Henne in der Straße),
Karl Henne (Liethkarls),
Johann – Friedrich Fricke (Leuthfreiderichs),
Eduard Jäger (Hannsönegens).
Sie besorgten auch das Wegbringen des Leinens.
Arme Leute haben das Leinen mit der Schiebekarre nach Einbeck oder Helmarshausen gebracht, um sich ein paar Silbergroschen zu verdienen.
Für solch eine Schiebkarrenfuhre nach Helmarshausen bekamen sie im Jahre 1848, als der Scheffel Roggen vier Thaler kostete, eine – Runge – Brot (3 – 4 Finger dicke Scheibe).

Das Rohleinen hatte verschiedene Breiten, meistens war es 80 Zentimeter breit und fünf Steigen (57 Meter) lang, einzelne Bahnen waren auch sieben steigen lang (79,80 Meter).
An die vier Ecken jeder Bahn nähten die Frauen je eine Schlaufe.
Nun wurde das Leinen auf der Schiebekarre zur Buikestie gefahren.
Das Wasser in den großen Kesseln kochte schon.
Das Rohleinen legte man in die großen Buikestünze, breitete das Buikelaken (Leinentuch) darüber, schütete auf dieses Laken Buchenholzasche und goss dann das kochende Wasser darüber.
Nun ließ man das Leinen in der Aschenlauge mehrere Stunden ziehen.
Dabei wurde die Pottasche aus der Asche ausgelöst, zog mit dem Wasser in das Leinen.
Die Pottasche löste den Schmutz auf und bildete mit ihm eine Verbindung, die nachher beim Leggen durch das Wasser aufgelöst wurde (Pottasche wurde später durch Soda ersetzt).
Diese Bearbeitung des Rohleinens mit Buchenasche nannte man das Buiken (von Buchen = Buiken).

Setzte man der Asche Kalk zu, so wurde die Lauge ätzende gemacht.
Sie löste dann den Schmutz schneller auf, zerfraß aber die Faser.
Die eingesetzten Kommissare hatten streng darüber zu wachen, dass keine Kreide oder kein Kalk beim Buiken benutzt wurden.

Damals wurde in Vernawahlshausen sämtliche Buchenasche während des ganzen Jahres gesammelt und trocken aufbewahrt, damit die nicht auslaugte.
Mangelte es einmal an Asche, dann gingen die Frauen mit Kiepe und Säcken in die umliegenden Dörfer und kauften dort Asche, oder man bezog die fertige Pottasche von den Pottasche – Siedereien im Solling (1791 gab es 17, 1832 waren es 43), deren Ascheaufkäufer die Asche überall in den Dörfern des Sollings aufkauften und in großen Planwagen zu den Siedereien brachten.

Mit der Tragbahre brachte man das gebuikte Leinen zur Bleichstelle und zog es auf.
Die Bahnen wurden straff gezogen und durch die Schlaufen die Pflöcke in den Boden geschlagen (der Haken an dem Pflock verhinderte das überschlagen der Bahnen bei Wind).
So wurde das Stück gebuikt und aufgezogen.

Nun musste das Leinen ungefähr acht Tage an der Erde liegen.
Dreimal am Tage, an heißen Tagen mehrere Male, wurde es geleggt.
Es durfte nie trocken werden, sonst brannte die Lauge fest.
Mit der schon erwähnten Leggeschaufel (Snicke) schöpfte der Bleicher das Wasser aus dem Seitengraben, schüttete es in großen Bögen über die Leinenbahnen eines Quartiers, die eine Hälfte aus dem linken, die andere aus dem rechten Graben.
Der alte – Apelfricke – (Vater von Stefan Fricke) erzählte 1921, dass er als Schuljunge jeden Morgen vor der Schule, die damals um sieben Uhr begann, mittags und nachmittags im Sieg hatte leggen müssen.
Nach und nach waren so am Ende der ersten Maiwoche die Quartiere mit Leinen belegt.

Nun gab es keine Ruhe mehr für die Bleicher und ihre Familien.
Kaum war man mit dem ersten Auslegen fertig, so musste wieder mit dem zweiten Buiken begonnen werden.
Dann knieten die Frauen und Mädchen vor dem langen Bahnen, fassten in 40 Zentimeter Entfernung vom Anfang rechts und links, dann wieder 40 Zentimeter und so weiter, bis die ganze Bahn in Wellenform übereinander lag.
Nun wurde es zur Buikestie gebracht und gebuikt.
Im Abstand von acht Tagen wurde jedes Stück viermal gebuikt.
Zwischendurch musste geleggt werden.
So war der Tag der Bleicherfamilie voll ausgefüllt.

Sobald es dunkel wurde, gingen die Bleicher mit den Wachhunden zur Nachtwache auf die Bleiche.
Es ist vorgekommen, dass versucht worden ist, von den Randbleichen Leinen zu stehlen.
Wo es ging, wechselte man sich bei der Nachtwache ab.
Manchem soll bei dieser Nachtwache Schabernack gespielt worden sein.

Nach vier bis fünf Wochen war das Leinen weiß.
In trockenen Tagen wurde es abgezogen.
Die Schlaufen wurden abgetrennt, es wurde ordentlich in die Länge gezogen, gemangelt, aufgerollt und in Säcke eingenäht.
Vor allen Dingen musste es in die Länge gezogen werden, damit die richtige Länge wieder abgeliefert wurde.
Vom Händler aufgekauftes Leinen musste damals den amtlichen Leggestempel tragen (amtliche Leggemeister, denen sämtliches verkaufte Leinen zum Nachmessen und zur Gütebewertung vorgelegt werden musste, gab es damals in Bad Karlshafen und Uslar.

Am 24. Juni waren die Wiesen frei; der erste Aufzug war beendet, die Fuhrleute brachten das Leinen weg.
Nun begann die Heuernte.
Der zweite Aufzug begann Anfang August und dauerte bis Ende September, danach wurde Grumt gemacht.

Ihre größte Blütezeit hatte die Bleiche um 1850.
Dann begann der Niedergang.
Die Baumwolle trat immer mehr an Stelle des Leinens; die Handweberei wurde durch den mechanischen Webstuhl verdrängt.
Die großen Bleichen arbeiteten mit chemischen Bleichmitteln.
Es wurde zuletzt nur noch Leinen für den eigenen Verbrauch gebleicht.
Die letzten Berufsbleicher waren Ludwig Fricke und Christoph Nolte.

Die Bleicherei war für die Wirtschaft Vernawahlshausen von großer Bedeutung.
Um 1787 wurden für 100 Steigen 7 – 8 Reichtsthaler Bleichlohn gezahlt.
Das waren für die damaligen 25.000 Steigen 1.750 – 2.000 Reichsthaler.
Dazu kam noch der Fuhrlohn mit ungefähr 200 Reichsthalern (nach den Angaben des Amtmanns Scriba in Uslar).
Im Jahre 1841 betrug der Bleichlohn für 100 Steigen 12 – 16 Reichsthaler; das ergab für 40.000 Steigen 4.800 – 6.400 Thaler.

Für die Landwirtschaft war das Bleichen von Nachteil.
Auf den Bleichwiesen wuchs wenig und kein nahrhaftes Futter; das Gras war sauer.
Das gesamte Stroh musste verfüttert werden.
Man war gezwungen, Streuzeug (Laub, Farnkraut usw.) aus dem Walde zu holen.
Da die Wiesen versumpften, versuchte man 1882 eine gemeinsame Entwässerung durchzuführen, die aber erst später ausgeführt werden konnte.

War durch die Entwicklung der Industrie ein lohnender Nebenerwerb verlorengegangen, so fanden die Männer jetzt in der Industrie Arbeitsplätze.
In Allershausen bei Uslar entstand eine Zuckerfabrik (heute Sollinger Holzwarenfabrik - Ilsewerk), die zur Zeit der – Kampagne – vielen kleinen Bauern einen Verdienst gab.
In Bodenfelde wurde die Chemische Fabrik (heute HIAG) gegründet.
In Volpriehausen wurde ein Kalischacht angelegt und eine Brikettfabrik.
Die 1872 gebaute Bahnlinie Ottbergen bis Northeim brachte die Arbeiter zu diesen Arbeitsstätten.
Da auch das Baugewerbe einen starken Aufschwung erlebte, wechselten viele die Berufe.
An die Stelle der Leineweber, Bleicher, Schmiede traten jetzt die Maurer und Zimmerleute und die Fabrikarbeiter.
So passte der Mensch sich immer den wirtschaftlichen Verhältnissen an.